Dienstag, 13. Juni 2017

Höga Kusten Leden - 128km Wandern

Hier kommt ein Post über mein vorerst letztes Abenteuer in Schweden, bevor es morgen für mich nach Hause in Richtung Deutschland geht: Die Wanderung den 128km langen Höga Kusten Leden entlang.



Bevor ich nach Schweden gekommen bin, hätte ich nie gedacht, dass ich mal Spaß daran haben würde, tagelang durch die Wildnis zu wandern, bis mir die Füße wehtun. Aber nach meinem Trip in den Nationalpark Skuleskogen im Januar hat mich so ein wenig das Natur- und Wanderfieber gepackt und ich konnte es kaum erwarten, die nächste Wanderung zu planen. Meinen Freunden ging es ähnlich und wir haben damals direkt Anfang Februar festgelegt, dass wir zum Abschluss des Semesters eine große Wanderung machen wollen, den Kungsleden entlang durch die schwedischen Berge.

Genau in diese Berge hat mich im April auch die Hundeschlittentour geführt und die Landschaft war einfach überwältigend, ganz anders als alles, was ich vorher in meinem Leben gesehen hatte. Nichts als Schnee, Berge und Abgeschiedenheit, soweit das Auge reicht...
Allerdings habe ich mich zu dem Zeitpunkt auch gefragt, ob der meterhohe Schnee wirklich bis Anfang Juni verschwunden sein würde, denn Ende April lagen dort bei Minusgraden noch bestimmt 2 Meter Schnee! Die wären innerhalb eines Monats ja nichts komplett weggetaut... Und ich hatte Recht mit meiner Befürchtung. Als wir der Touristeninfo in Abisko Ende Mai eine Mail geschrieben haben, bekamen wir die Antwort, der Weg wäre wegen des vielen Schnees noch immer unpassierbar.
Also musste ein anderer Wanderweg her und letztendlich haben wir uns für den Höga Kusten Leden entschieden. Er verläuft an der Küste entlang in der Nähe von Örnsköldsvik, ca. viereinhalb Stunden südlich von Luleå. Das gesamte Höga Kusten - Gebiet ist seit dem Jahr 2000 Weltnaturerbe, weil sich das Land hier seit der letzten Eiszeit am meisten gehoben hat. Zitat aus Wikipedia: "Während der letzten Eiszeit war ganz Skandinavien von Eis bedeckt. Die Eismassen waren etwa 3 km dick und drückten durch ihr Gewicht das Land nieder. Nach dem Abschmelzen der Eismassen begann das Land sich zu heben. Mit 285 m hat das Gebiet Höga Kusten die höchste isostatische Bodenhebung der Welt seit der letzten Eiszeit zu verzeichnen. Gleichzeitig beträgt der Abstand zwischen der höchsten Küstenlinie und der heutigen Küstenlinie aufgrund der topographischen Beschaffenheit nur etwa 3 km. Auf diesen 3 km kann das Vorrücken der Küstenlinie, der Vegetation und auch die Nutzung des Landes durch Menschen in den letzten 7000 Jahren studiert werden."
Wir würden also zwar keine atemberaubenden Berge sehen, aber trotzdem etwas einzigartiges und besonderes erleben können.

Leider hat dann doch nicht alles so geklappt, wie es sollte und einige meiner Freunde konnten wegen Klausuren, Masterarbeit usw. nicht mit auf unseren kleinen Trip kommen. Am Ende waren es dann Antonio, Jana, Regi, Lucia, Alejandro und ich, also die Hälfte unserer damaligen Skuleskogen-Truppe. Wir waren trotzdem hoch motiviert und gespannt auf das, was auf uns zukommen würde.

Und ich kann schonmal vorweg nehmen: Wir haben es geschafft! Wir sind tatsächlich 128 km (plus einiger Umwege zu Aussichtspunkten, also insgesamt bestimmt 140 km) in 7 1/2 Tagen gewandert! Ich kann es selber kaum glauben! Und es war ein wahnsinnig tolles Erlebnis ;)

Wobei ich da währenddessen oft dran gezweifelt habe... Am ersten Tag standen zum Eingewöhnen erstmal nur 10km auf dem Programm und wir sind erst nachmittags losgelaufen. Los ging es an der (anscheinend bekannten) Högakustenbron, auf deutsch Hoheküstenbrücke. Von dort aus kurz eine Straße entlang, dann durch den Wald, Berge rauf und runter und nach etwa vier Stunden kamen wir am Ziel unserer ersten Etappe an. Und zu dem Zeitpunkt war ich so am Ende, dass ich dachte, nie wieder laufen zu können! Mein Rucksack war ca. 13-14kg schwer, mein Körper war nicht ans Wandern gewöhnt und noch dazu war es an dem Tag ziemlich sonnig und warm, wodurch es noch anstrengender wurde. An diesem Abend war ich mir ganz sicher, dass ich keine 7-8 Tage durchhalten würde, zumal die kommenden Etappen mit 15-20km auch noch wesentlich länger waren... Meine Waden waren komplett verspannt, meine Füße taten weh und auch meine Kondition hat mich beim 
bergauf Wandern ziemlich im Stich gelassen. Wenigstens haben wir aber einen schönen Platz an einem See gefunden, an dem wir am ersten Abend unsere Zelte aufstellen konnten. 

Danach wurde es allerdings von Tag zu Tag besser. Am zweiten Tag habe ich 500m vor Ende der Etappe aufgegeben und gesagt, dass ich nicht mehr weiter laufe. Die anderen mussten mich regelrecht überreden, mich noch zur nächsten Hütte zu schleppen. Die folgenden Tage habe ich aber mehr und mehr gemerkt, wie meine Kondition besser wurde, sich meine Beine (vor allem die Waden) ans Laufen gewöhnt haben und die Schmerzen immer weniger wurden. Nur meine Fußsohlen, die haben pünktlich zur Mittagspause und abends immer so weh getan, dass ich erstmal nicht mehr weiterlaufen konnte. Am Ende in den letzten Tagen wurden es dann eher meine Knie, die mich gebremst haben, vermutlich vom vielen Klettern über Felsen und ständigen rauf und runter Laufen.

Insgesamt ging es aber echt gut, auf jeden Fall viel besser, als ich erwartet hatte. Mein Kumpel Antonio hatte (noch vom Halbmarathon im Mai) leider ständig Schmerzen in den Knien, weshalb er vor allem bergab ziemlich langsam war und wir oft auf ihn warten mussten. Was mir aber nur recht war, weil ich dankbar um jede kleine Erholungspause war ;) Leider musste Antonio dann aber vor dem fünften Tag aufgeben und zurück nach Lulea fahren, weil seine Knie es einfach nicht mehr mitgemacht haben... Das war wirklich schade für ihn :(

Die Strecke stellte sich als wirklich abwechslungsreich und super schön heraus! Am Anfang ging es lange durch den Wald und viele Berge rauf und runter (mitunter mit tollen Aussichten vom Gipfel!); der zweite Tag führte uns an traumhaften Felsküsten entlang; am dritten Tag waren es hauptsächlich Felder, an denen wir vorbei gewandert sind (die Landschaft sah ähnlich aus wie in Deutschland auf dem Land), leider auch oft Straßen entlang; am vierten Tag war es wieder bergig und waldig und wir kamen an vielen Fjorden vorbei; am fünften Tag waren wir kurz in einem Dorf ein paar neue Lebensmittel kaufen und haben dann den Berg "Skuleberget" erklommen, der sehr steil und felsig war; am sechsten Tag waren wir im Nationalpark Skuleskogen (wie schon im Januar), der uns aufs neue mit seiner Vielfalt, seiner riesigen Schlucht und seinen traumhaften Seen beeindruckt hat; den siebten Tag haben wir halb auf Landstraßen und halb in einem Nuturschutzgebiet verbracht (da gab es kristallklare Seen, wie ich sie noch nie gesehen hatte) und am letzten Tag haben wir eine extra lange Etappe gemacht, die uns durch mehrere Dörfer bis zur Stadt Örnskölsvik geführt hat.

Hier mal ein kleiner Überblick über unsere Etappen:

Sa: Hörnoberget - Lövvik 10 km
So: Lövvik - Nipstugan 16km
Mo: Nipstugan - Lappudden 18km
Di: Lappudden - Gårdberget 18km
Mi: Gårdberget - Skuleberget 15km
Do: Skuleberget - Skuleskogen Nationalpark 15km
Fr: Skuleskogen Nationalpark - Balesuddens naturreservat 19km
Sa: Balesuddens naturreservat - Örnskölsvik 21km

Am besten gefallen haben mir eindeutig die Wälder und Seen, ganz besondern natürlich die Naturschutzgebiete. Wir haben richtig gesehen, was für einen Unterschied es macht, ob ein Wald unter Naturschutz steht, oder nicht (also für die Forstwirtschaft genutzt wird): Die Bäume sind wesentlich älter, es gibt mehr verschiedene Bäume (wobei das in Nordschweden doch trotzdem sehr auf Kiefern, Buchen und Tannen beschränkt ist) der Waldboden ist viel weicher und bedeckt mit einer dicken grünen Moosschicht, der Wald ist viel dichter und man hört deutlich mehr Vögel, überall liegen alte umgefallene Baumstämme, die von Moos und Witterung zersetzt werden und einen Unterschlupf für Tiere bieten und überhaupt wirkt alles viel ursprünglicher und lebendiger. Wälder sind einfach der Wahnsinn! :)

Manchmal haben wir auch ganz besondere Sachen erlebt oder gesehen, die mir in Erinnerung geblieben sind:

Am letzten Tag ging es für uns zum Beispiel durch einen kleinen Wald bzw. Park nahe der Stadt Örnskölsvik, eine Art Naherholungsgebiet für die Anwohner mit Grillplätzen, Hütten und einem kleinen See. Und als wir dort völlig geschafft die letzten Kilometer hinter uns bringen, huscht plötzlich vor uns ein Fuchs über den Weg, ein relativ großer leuchtend orange-brauner Fuchs. Wir freuen uns total, bleiben still stehen und gucken, ob wir ihn im Wald noch entdecken können. Und dann sitzt er da, vielleicht 20m entfernt von uns, auf einer Lichtung. Und sieht uns an. Aus solcher Nähe habe ich noch nie einen Fuchs gesehen, zumindest nicht für länger als 5 Sekunden! Unser Fuchs schien aber erstaunlich tiefenentspannt gewesen zu sein. denn auch als wir uns ihm ein wenig mehr genähert haben, um Fotos zu machen, hat er keine Anstalten gemacht, sich zu bewegen. Eigentlich nicht der cleverste Fuchs überhaupt, aber da es in einem Park wie diesem wohl weder Jäger noch Fressfeinde gibt, ist er damit wohl bisher ganz gut gefahren. Leider hatte der Akku meine Kamera zu dem Zeitpunkt schon schlapp gemacht und der Freund von mir, der eine Kamera dabei hatte, hatte nur eine Linse ohne Zoom, weshalb wir kein Close-Up von unserem kleinen Fuchs schießen konnten. Aber immerhin ein Foto durchs Geäst, wie er da im Wald sitzt!
Das war auf jeden Fall eine super tolles Erlebnis,das nicht alle Tage vorkommt :)

Ein anderes tolles Erlebnis hatte ich, als wir im Nuturreservat Balesudden waren. Dort gab es einen relativ langen Sandstrand, an dem wir standen und ein wenig aufs Meer geguckt haben. Auf dem Wasser schwammen ein paar Vögel, die aussehen wie eine Mischung aus Enten und Reihern und die hin und wieder mal abgetaucht sind, um nach Wasserpflanzen zu tauchen, wie ich dachte. Dann tauchte ein bestimmter Vogel, den ich beobachtet hatte, aber einfach nicht mehr auf, bestimmt für 40 Sekunden. Ich dachte, ich hätte ihn bestimmt einfach verpasst, doch dann tauchte er bestimmt 50m weiter wieder auf, mit einem riesigen Fisch im Schnabel! Und wir konnten beobachte, wie der arme Fisch sich nach besten Kräften wehrte und die beiden einen unerbittlichen Kampf führten! Bis die anderen Vögel dann irgendwann gesehen haben, dass ihr Kumpel einen Fisch gefangen hatte... Dann musste er reißaus nehmen, weil ihn bestimmt 10 andere Vögel verfolgt und angegriffen haben, um seinen mühsam erbeuteten Fisch zu stehlen. Ich stand die ganze Zeit über fasziniert am Wasser und hatte am Ende etwas Mitleid mit dem armen Vogel, dem keiner seinen Fisch gegönnt hat.

Was für mich auch ganz einzigartig war auf dieser Tour, war der Nebel. Am dritten Tag in Lappudden haben wir an einem See gecampt, in der Nähe eines kleines Dorfes, umgeben von Feldern und etwas weiter entfernten Wäldern. Und als wir abends um 10 oder 11 noch beim Abendessen saßen, stieg plötzlich von den Feldern ein eigenartiger Nebel auf, in einzelnen Nebelschwaden bzw. -fetzen. Er war super dicht, aber nur ca. auf dem ersten Meter am Boden und man konnte richtig sehen, wie er zum See waberte, obwohl es so gut wie windstill war! Auf dem See hat er sich dann gesammelt, aber ebenfalls nur nah über der Oberfläche. Das sah total magisch aus, wie dieser Nebelschleier über dem (fast dunklen) See lag und dort umher gewabert ist.
Leider hat uns der Nebel den Rest der Woche über fast täglich das Leben schwer gemacht. Jeden Abend stieg dichter Nebel aus den Wäldern auf, was auch schrecklich faszinierend und besonders aussah, uns aber leider die Sicht von allen Aussichtspunkten verwehrte. Und wenn es morgens schon nebelig war, kroch einem die Kälte so richtig in die Klamotten, weil es so feucht war, was den Start in den Tag deutlich schwerer gemacht hat... Zum Glück hatten wir aber auch zwei sehr warme und trockene Tage, um uns aufzuwärmen und alles zu trocknen :)

Nach meiner ersten 7/8-tägigen Wandertour kann ich jetzt folgendes Resumé ziehen darüber, worauf es ankommt:

1.) Man braucht ne ordentliche Motivation, sonst hält man keine 20km am Tag durch ;)
2.) Weniger ist mehr, vor allem beim Packen. An Klamotten hatte ich 2 T-Shirts und 2 Tops (hätte man noch um 1-2 Teile reduzieren können), eine Wollsweatjacke und eine Fleecejacke, 2 Paar Wollsocken, Unterwäsche und 2 Leggins mit, das war mehr als genug. Alles was man mitnimmt, muss man halt auch tragen und da macht es wenig Sinn, für jeden Tag ein neues T-Shirt mitzunehmen (Antonios ursprünglicher Plan).
3.) Was Essen betrifft sollte man natürlich leichte Sachen mitnehmen (z.B. Couscous, getrocknete Tomaten etc.), aber es ist auch immer wieder schön, etwas frisches zu haben, zumindest am ersten Tag oder wenn man gerade vom Supermarkt kommt. Risoni (platzsparende Nudeln) mit Champignons und einer Soya-Sahne-Soße sind zum Beispiel große Klasse :)
Mittags macht es Spaß, eine Suppe zu essen, vor allem wenn es frisch draußen ist!
4.) Sonnencreme mitnehmen, man verbrennt deutlich schneller, als man denkt, wenn man rund um die Uhr draußen ist.
5.) Mehr als einen 40/50l-Rucksack braucht man nicht, man wird nur dazu verleitet, mehr einzupacken, als man tragen kann. Ich war mit meinem 40+10l von Deuter mehr als zufrieden.
6.) 2 Müsliriegel pro Tag! Auch wenn das viel zu schleppen ist, ich habe mich jeden Morgen und Nachmittag drauf gefreut! :)
7.) Gerade wenn es nicht so schrecklich heiß ist, muss man dran denken, immer viel zu trinken. Wasser gab's bei uns fast ständig und Seen und Flüssen, aber man muss planen, wo man Wasser herbekommt, bevor man an seinem Schlafplatz ankommt. Solang das Fluss- und Seewasser gut riecht und aussieht, kann man es zumindest in Schweden bedenkenlos trinken.
8.) Morgens nicht zu spät aufbrechen und lieber eine längere Mittagspause machen! Meine Füße taten mittags immer so weh, dass ich kaum noch laufen konnte und nach der Pause war ich meistens wieder topfit!

So, das war mein (schier unendlich langer) Post über unsere schöne Wanderung! Es hat riesig Spaß gemacht und wird bestimmt nicht die letzte Wanderung meines Lebens gewesen sein :) 































































Irgendwann habe ich voller Begeisterung angefangen, Tierbilder zu machen, hier also meine kleine Tiergalerie:


















2 Kommentare:

  1. Hallo Julia,
    dein Blog ist super, großes Kompliment. Ich werde auch nächstes Jahr ein Auslandssemester in Norwegen verbringen und plane schon etwas. Hierzu eine Frage: Was empfiehlt sich als Reiseapotheke mitzunehmen und was hast du dabei gehabt ? Benötigt man für Medikamente eine Bescheinigung für den Zoll ?
    Alles Liebe !
    Kathrin

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  2. Hi, dankeschön, das freut mich sehr :)
    Eine besonders große Reiseapotheke hatte ich eigentlich nicht mit, eher so das übliche: Ibuprofen, weil es immer gut ist; Vitamin D, das ist ganz wichtig im Winter im Norden, weil man da sonst auf jeden Fall einen Mangel bekommt; Neo-angin gegen Halsschmerzen wenn man anfällig dafür ist und dann hatte ich noch ein kleines Erste-Hilfe-Kit dabei, was ich bei Wanderungen mitgenommen habe. Wenn man was braucht, haben die ja sonst auch die gleichen Medikamente wie wir in Skandinavien.
    Mit dem Zoll kann ich dir leider nicht weiterhelfen, weil ich ja in Schweden in der EU war und Norwegen nicht in der EU ist. Ich denke aber, dass man da nichts braucht und dass das reicht, wenn man die Verpackung dabei hat. Vermutlich wirst du am Zoll ja eh nicht richtig kontrolliert, die ziehen ja meist nur Stichproben raus. Ich bin ja nur einmal mit dem Auto nach Norwegen gefahren und da wurden wir natürlich nicht kontrolliert, aber von da weiß ich, dass es verboten ist, Kartoffeln nach Norwegen zu importieren ;)
    Ich hoffe, ich hab dir ein bisschen weitergeholfen!

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